Böse Häuser – ein Alpen-Krimi

Interview mit der bayerische Bestseller-Autorin Nicola Förg .

16. April 2021
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Wohnen ist Leben! Wohnungssuche kann tödlich sein! Während Kommissarin Irmi Mangold rein privat einen Hof zum Kauf besichtigt, wird ein anderer Kaufinteressent direkt neben ihr erschossen. Der Tote: der Besitzer eines Autohauses für Nobelkarossen. Der Makler: ein Geschäftsmann mit eigener Moral. Der Hausbesitzer: ein zugeknöpfter Biobauer. Irmi und der leitende Ermittler Gerhard Weinzirl werden in jenen Strudel aus Neid und Hass gerissen, der wühlt, wenn es um Geld und Besitz geht. Die Spuren führen in die Vergangenheit, bis ins Berlin der Nachwendezeit – wo Häuser böse Geschichten erzählen.

Autorin Nicola Förg lehnt auf einem PferdNicola Förg ist auch eine Tierschützerin © Florian DeventerDie gebürtige Oberallgäuerin Nicola Förg ist Journalistin und Schriftstellerin und lebt auf einem Hof in Prem am Lech. Für ihr Engagement rund um Tier- und Umweltschutz wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Über 850.000 Exemplare ihrer Bücher wurden bisher verkauft. Mit dem Alpenportal sprach sie über ihren neuesten Krimi – und gesellschaftliche Phänomene.

Liebe Frau Förg, in Ihrem neuen Alpen-Krimi "Böse Häuser", dem inzwischen zwölften Fall für Irmi Mangold, greifen Sie Umweltthemen wie Flächenverbrauch auf, beschäftigen sich mit dem Immobilienmarkt, tauchen ein in die Hausbesetzerszene der 1990er Jahre in Berlin und Ihr Ermittlerduo Irmi Mangold und Kathi Reindl bekommt vorübergehend „Zuwachs“. Ein „böses“ Haus ziert das Titelbild. Können Häuser wirklich böse sein?
Nicola Förg: Alte Häuser können sprechen, sie haben die Aura ihrer Vorbesitzer aufgesogen und in manchen will man nicht lange verweilen. Häuser per se sind nicht böse, aber die Menschen darin. Sehr alte Häuser stehen oft auf „guten“ Plätzen. Unsere (bäuerlichen) Vorfahren wussten noch viel mehr um Kraftplätze, Wasseradern und Lagen, die von Wind oder Lawinen geschützt sind. Alte Häuser wurden aus Holz, Lehm oder Tuffstein geschaffen, organische Materialien, die atmen konnten. Schindelfassaden sind der genialste Schutzmantel für ein Haus, sofern man die Schindeln nicht streicht! Sie verwittern, alte Fensterrahmen blättern, alte Häuser sind auch verwundbar, aber immer würdig. Ein Niedrigenergiehaus hingegen bleibt clean, effektiv und völlig charmelos. Wo Fenster hermetisch abriegeln, ist kein Austausch. Und keiner der Altvorderen hätte je in den Überschwemmungsgürtel eines Flusses gebaut, wie das heutige Neubaugebiete so gerne tun …

Also gibt es auf dem Land längst auch den Sündenfall?
Nicola Förg:
In Deutschland werden tagtäglich rund 60 Hektar Landschaft für Gewerbe, Wohnen, Erholen und Verkehr verbraucht. Es ist beklemmend, wie auch kleine Dörfer wachsen und wachsen wie Geschwüre. Uniforme Neubaugebiete, immer neue Gewerbegebiete, als Gipfel der Perversion mit Abstellflächen für Hunderte von Wohnmobilen wuchern in Bauernwiesen. In Kleinstädten, von denen aus man München oder Augsburg noch irgendwie erreichen kann, kosten Doppelhaushälften 800.000 Euro. Beim Verkauf einzelnstehender Häuser mit größeren Grundstücken in Oberbayern werden astronomische Summen aufgerufen, ergo ziehen die Menschen immer weiter west- oder nordwärts und treiben die Preisspirale dort hoch und höher. Und wo durch Corona angeheizt nun der Wunsch nach mehr ländlichem Leben wächst, kommen ehemalige Bauernhäuser ins Spiel. Wobei die erste Hürde ist, dass sich die zerstrittene Erbengemeinschaft einigt, was oft Jahrzehnte dauert und wunderbare Häuser stehen leer, verfallen - das tut mir in der Seele weh!

In Ihrem neuen Krimi führt eine der Spuren ins Berlin der Nachwendezeit. Warum?
Nicola Förg:
Weil dort Spekulanten es verstanden haben, die Gesetzeslage bis an den äußersten Rand zu dehnen. Aber das Thema wurde und wird sehr polemisch und polarisierend diskutiert. Ist das linker Terror gegen unbescholtene Eigentümer oder sind es kriminelle Entmieter, die Meistersinger der Gentrifizierung sind? Im Buch stürzt 1991 bei einem Polizeieinsatz ein junger Polizist aus dem Flurfenster im zweiten Stock und landet dauerhaft im Rollstuhl. Viele Facetten einer unruhigen Zeit, denen Gerhard Weinzirl noch die hinzufügt, dass „neben wirklich brandgefährlichen Linksradikalen eine Menge süddeutscher Wohlstandskinder da auf Abenteuerurlaub war. Pseudohausbesetzer aus Bayern und Schwaben, die auch mal was erleben wollten.“Nicola Förg steht neben einem weiblichen Fan.Nicola Förg mit einem ihrer vielen Fans © Stephan Fennel

Der Tote ist Inhaber einer Nobelkarossen-Autohauses …?
Nicola Förg: … und er hat ein übermotosisiertes Auto für ein illegales Bergrennen an einen Führerscheinneuling vermietet – mit tragischem Ausgang. Bevor man nun aber auf den Mann einprügelt, möchte ich gerne zeigen, dass auch diese Diskussion über Autoscham und Flugscham viel zu polemisch geführt wird. Es macht einen Unterschied, ob die Münchner Vorstadt-Mom den Sprössling mit dem Q7 fast in die Schule fährt oder der Bauer mit dem Suzuki Vitara bergwärts - beides sind SUVs. Zwei Drittel der Deutschen leben noch auf dem Land. Warum nehme ich nicht die U-Bahn? Nächster Halt Steingaden, bitte rechts aussteigen? Leider gibt es keine U-Bahn und der Bus fährt zweimal am Tag. Die Witwe des Ermordeten weist darauf hin, dass sie wenig Verständnis dafür hat, dass die Einbauküche 30.000 Euro gekostet hat, es aber für eine PV-Anlage am Dach nicht gereicht hat. Sie fragt sich nicht zu Unrecht, woher Strom und Lithium kommen und bezweifelt die Ökobilanz der E-Autos.

Brauchen Autoren ein Pseudonym wie Jonas Edler hier im Krimi?
Nicola Förg:
Der Fantasyautor im Buch nennt sich Jonas Edler und spricht das Englisch aus. Das unterscheidet ihn stark vom Fotografen Franz Köglmeier, und es ist in der Tat so, dass er zwei Leben lebt, das am Auerberg und das als internationaler Star. Er reitet auf einer Kurve - hoch auf der Bühne, tief unten, wenn er alleine ist. Ich persönlich glaube nicht, dass man Promis beneiden muss! Und ich brauche eben kein Pseudonym, weil ich als Nici Förg, die grad einen Stall ausmistet, keine andere bin als die Journalistin, die über Tier- und Umweltschutzthemen schreibt. Und auch nicht anders in Büchern, die das Anliegen in einen größeren Kontext stellen. Ich bleibe Nicola Förg.

Gibt es Hochsensibilität?
Nicola Förg:
Man geht davon aus, dass manche Menschen wie Seismografen sind. Sie nehmen ihre Umwelt besonders fein wahr und spüren, wenn das Gegenüber lügt. Außerdem haben sie einen überdurchschnittlichen Sinn für Gerechtigkeit. Und sie müssen sich immer wieder zurückziehen, weil sie die vielen Reize nicht mehr angemessen verarbeiten können. Über das Phänomen und die Begrifflichkeit haben Psychiater, Neurologen und Psychologen viel gesprochen, mir ging es mehr darum, dass Menschen tatsächlich Dinge unterschiedlich wahrnehmen. Ihre Vita spielt hinein, sicher auch die Gene; wo der eine bei einem bestimmten Reiz überkocht, versteht der andere die ganze Aufregung nicht. Das ganze spannende Feld von Objektivität und Subjektivität. Wie unterschiedlich Wahrnehmung sein kann, erlebt die Krimiautorin jeden Montag, wenn sie die Rezension des Tatorts vom Sonntag liest. Sie glaubt dann, der/die Rezensent/in, hat einen anderen Film gesehen.

Sind Allgäuer anders als Oberbayern?
Nicola Förg: Ich möchte ungern mit dem bärtigen Witz nerven, aber er passt so gut: „Man schichte 30 Allgäuer übereinander, dann ist der oberste genauso verdruckt wie der unterste.“ Allgäuer sind vorsichtige Alemannen, zurückgenommener, wo der Oberbayer eher mal voranprescht. Und der Werdenfelserin Irmi geht es wie vielen Oberbayern: Der Gedanke weiter westwärts zu wohnen, womöglich im Regierungsbezirk „Schwaben“, ist fast anrüchig. Der Kapitalfehler schlechterdings: Allgäuer sind keine Schwaben, sie sind Allgäuer und vor allem Allgäuer. Und wenn ich es auf die Landschaft beziehe: Es ist eine bucklige Welt, immer wieder Höfe in Alleinlage, manchmal mit einer geschindelten Hauskapelle. Das Allgäu ist so anders als Irmis eigene Heimat, wo aus den flachen Loisachauen plötzlich hohe Felsberge aufragen. Hier gibt es Hügel und Höcker, Tobel und Waldschluchten, neue Grasbuckel mit kleinen Kreuzen, Sträßchen, die wie Achterbahnen hinunterstürzte. So eine Landschaft machte nicht gesprächig, auch nicht großspurig.

Auch Ihr Kommissar Gerhard Weinzirl ist eigen?
Nicola Förg:
In der Tat! Er ist ein seltsam gespaltener Mann. Immer wieder blitzen Emotionen durch, dann verschanzte er sich wieder hinter seinem Bärengebrumme. Aber er ist klug und ein sehr guter Ermittler. Irmi muss sich nur erst an ihn gewöhnen. Ich überdies auch: Als der Wunsch wuchs, Irmi und Gerhard gemeinsam ermitteln zu lassen, hatte ich gar nicht damit gerechnet, dass auch ich die beiden zunächst zusammenschmieden musste – und sie werden auch erst ein Team als sie in eine Nicola Förg liest vor Publikum in einer BibliothekLesungen mag die Autorin Nicola Förg besonders gerne © Snežana Šimičićlebensbedrohliche Situation kommen.

Überhaupt tut sich im Privatleben der Protagonisten so einiges?
Nicola Förg: Nun, Irmi und der Hase sind sich sehr nahe. Gerhard Weinzirls bisherige Beziehungen sind kein Ruhmesblatt und die Frau, die ihm in Böse Häuser auch emotional nahe kommt, ist wahrlich eine explosive Kandidatin.

Warum spielt auch Corona in Ihrem Krimi eine Rolle?
Nicola Förg: Das Buch spielt im Februar 2020, gerade noch vor dem ersten Lockdown, aber eine der Figuren macht sich apokalyptische Gedanken. Ich wollte das Thema bewusst außen vor lassen, wir alle leiden schon genug darunter: Schreiben ist ja per se eine eher einsame Tätigkeit. Zum Schreiben aber führen Beobachtungen von Menschen, das „Leuten aufs Maul schauen“ und Emotionen. Wo aber kein Input, da kein Output. Das Schlimmste aber ist, dass "Böse Häuser" nach "Flüsternde Wälder" das zweite Buch sein wird, das weitgehend ohne Lesungen stattfinden wird. Das frustriert sehr! Weil Kultur nicht systemrelevant ist? Mein Vorschlag: Alle schalten mal eine Woche das Radio ab, alle anderen Tonträger, das TV, alle Streaming-Dienste. Sie nehmen alle Bücher aus den Regalen und hängen alle Bilder ab. Auch wenn das nur Drucke sind, die hat einst jemand gestaltet! Eigentlich müsste auch das Geschirr weg, der Teppich und die Alessi Töpfe. Denn das alles ist Kultur! Und wenn sie dann auf die traurigen Abdrücke der Bilder sehen und die Löcher in den Regalen und diese böse Stille, müsste der Letzte verstehen, dass Kultur systemrelevant ist! Gottlob werden Bücher weiter verkauft – danke an alle Leser und alle Buchhändler – aber die Präsenz, die Kommunikation mit dem Leser fehlt auf tragische Weise. Und nach 20 Jahren Lesungspraxis darf ich doch feststellen: Auch schon vor Corona waren Menschen in Lesungen, jene, die still auf dem Pöpöchen saßen. Sie schreien nicht, sie singen nicht mit und verwirbeln Aerosole! Sie rennen nicht rum, schwitzen nicht ungebührlich. Und verbürgt: Sie küssen ganz selten den Autor.

Der neuste Alpen-Krimi "Böse Häuser" von Nicola Förg ist im Piper Verlag erschienen. Erhältlich ist er im Buchhandel für 16,00 €.

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