Alpinismus: Meilensteine und Einsteigertipps

Mitten im Herzen der Klettergeschichte.

18. März 2020
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Warum heißt Alpinismus eigentlich Alpinismus? Nein, das ist keine Fangfrage, sondern ernstgemeint – immerhin sind die Alpen ja mitnichten der einzige bedeutende Gebirgszug der Erde. Es liegt daran, dass Europa auch die Wiege der Aufklärung ist. Mit dem Ende des Mittelalters begann eine Zeit, in der man hier die Welt mit wissenschaftlichem Interesse beobachtete – und die Alpen, zuvor eher Hindernis, wurden zum Erkundungsgebiet vor der Haustür.

Kein Wunder also, dass die Geschichte des Bergsteigens untrennbar mit unseren Alpen verbunden ist. Das Alpenportal bietet hier nicht nur die wichtigsten Meilensteine der Alpenbesteigungen, sondern gibt auch Neulingen Einsteigertipps. 

Tipps für Berghungrige

©Unsplash.com / Tommy Lisbin

In der Redaktion des Alpenportals wissen wir, wie laut man bei solchen Texten den Berg rufen hört. Erst recht, wenn der Text denjenigen huldigt, die ihre Namen durch Ausdauer und Wagemut in die Geschichtsbücher eingraviert haben. Aber: Ein Grund, warum über Jahrtausende niemand kletterte, war die Tatsache, dass es lebensgefährlich sein kann. Auch modernste Ausrüstung macht das nur kalkulierbarer, nicht jedoch risikofrei. 

Wer also, angefeuert durch diesen Artikel, klettern möchte, sollte bitte nicht blindlings an irgendeiner Alpenwand loslegen. So geht es richtig:

  • Bergsteigen ist im allerhöchsten Maß Fitness. Es ist also nötig, sowohl Ausdauer wie Körperkraft zuvor sorgfältig zu schulen, selbst wenn man schon fit ist.
  • Am Berg kann jeder falsche Griff der letzte sein. Relativ risikofrei lassen sich die Techniken beim Bouldern trainieren. Dazu braucht es nur wenig: essenzielles Erste-Hilfe-Boulderzubehör zur Verhinderung/Behandlung von Blessuren sowie eine Matte, ein ordentliches Schuhwerk, ein Chalkbag (Magnesiabeutel) und eine Boulderbürste. Schon stehen einem die schönsten "Alpen-Boulderados“ offen.
  • Das „richtige“ Bergsteigen sollte grundsätzlich unter erfahrener Anleitung erfolgen – dafür gibt es überall in den ganzen Alpen entsprechende Kurse! 

Und nie vergessen: Die größte Gefahr am Berg ist Selbstüberschätzung. Deshalb lieber langsam beginnen, dafür aber auf der sicheren Seite stehen!

Die Meilensteine der Alpen

  • 1336 war der Mont Ventoux, in den französischen Voralpen gelegen, noch weit ©Pixabay.com / GiancarloGattellidavon entfernt, ein per Fahrrad erreichbarer, nur 1909 Meter hoher Gipfel zu sein. Im Gegenteil, wie jeder Berg galt auch der Ventoux als unüberwindbare Hürde. Dann allerdings kam Francesco Petrarca. Der italienische Dichter hatte das, was man „Lebenshunger“ nennen könnte – einen unstillbaren Appetit, die Wunder der Welt zu erleben und in seine Dichtung einfließen zu lassen. Zusammen mit seinem Bruder erklomm er am 26. April 1336 den Berg – und hatte angesichts des Ausblicks ein regelrecht bewusstseinserweiterndes Schlüsselerlebnis, welches seine Kunst für immer veränderte.  
  • 1762 wurde nach heutigem Wissensstand erstmals ein „richtiger“ Alpengipfel bestiegen – der 3252 Meter hohe Ankogel in Österreich. Ein Bauer, von dem heute nur noch bekannt ist, dass er Patschg hieß, erklomm ihn – und schaffte damit gleichsam die erste Besteigung eines Dreitausenders, der auch vergletschert war. Der ORF nannte diese Aktion in einer Dokumentation „Die Wiege des Alpinismus“. 
  • 1786 passierte etwas, das man sich angesichts der damaligen Ausrüstung ähnlich schwer vorstellen darf, wie den Versuch, heute mit einem Nachbau des Flugzeugs der Gebrüder Wright die Alpen zu überfliegen: Michel-Gabriel Paccard und Jacques Balmat besteigen den Mont Blanc und damit den mit 4810 Metern höchsten Alpengipfel. Wie später noch so häufig stand dahinter eine Mischung aus Wissensdrang und Abenteuerlust: Der Forscher Horace Bénédict de Saussure hatte schon 1760 Erstbesteigern einen Preis versprochen. Doch über die nächsten Jahre scheiterten mehrere Versuche; darunter auch 1775 einer, bei dem Paccard und Balmat sich bis auf 4000 Meter hochkämpften. Erst am 7. August 1786 schafften es die beiden, nachdem sie – heute klassisch – eine Nacht im Berg verbracht hatten. Dabei gilt diese Erstbesteigung als Beginn des Alpinismus – denn just der Mont Blanc hatte zuvor als „verfluchter Berg“ gegolten. Wenn der Mensch schon ihn bezwingen konnte, war alles andere auch möglich. In der Tat.
  • 1800 wurden in rascher Folge der Großglockner (3798 Meter), der Watzmann (2713 Meter) und der Hohe Göll (2522 Meter) bezwungen – alle drei durch dieselbe Person: Student Valentin Stanig; beim Großglockner allerdings kam Stanig einen Tag nach der aus 62 Personen bestehenden Erstbesteigergruppe an.
  • 1865 kommt es nach entdeckungsreichen Jahren, in denen die ersten ©Pixabay.com / sujuAlpenvereine gegründet und unter anderem Ortler (3905 Meter) und Jungfrau (4158 Meter) bestiegen worden waren, zur Erstbesteigung des Matterhorns – allerdings nicht wie zuvor durch einen „Ortsansässigen“, sondern den Briten Edward Whymper. Mit einer sechsköpfigen Seilschaft schaffte er es am 14. Juli 1865 und gewann das Wettrennen gegen eine von Italien aus operierende Seilschaft. Aber: Auf dem Abstieg kam es zur Katastrophe. Einer der Bergsteiger rutschte aus, das Seil riss aufgrund von Überalterung und vier Menschen stürzten in den Tod – aufgrund der Schwere dieses Ereignisses gilt die Matterhornbesteigung heute als Ende des Goldenen Zeitalters des Alpinismus, das Erfolge auf Erfolge ohne große Verluste gesehen hatte.
  • 1884 entstand eine Technik, die als eines der wenigen Verfahren von damals den Sprung in die Gegenwart schaffte: das Abseilen mit doppeltem Seil. Der Schweizer Bergführer Alois Pollinger setzte sie nach langem Tüfteln erstmals an der Dent Blanche (4357 Meter) ein. 
  • Ab diesem Zeitraum lässt sich eine Abwendung von den Alpen beobachten. Zwar kamen noch weitere Besteigungen hinzu; dabei ging es aber verstärkt um einzelne Wände, neue Routen. Leider, so muss man sagen, hatten die nunmehr gut 150-jährige Verfeinerungen des Bergsteigens auch dazu geführt, dass der Alpinismus und die Alpen selbst militärische Bedeutung bekamen: Während des Ersten Weltkrieges waren sie Schauplatz zahlreicher schwerer Schlachten, die erstmals auch im winterlichen Hochgebirge ausgefochten wurden. 
  • Nach dem Krieg zog die Alpinistenwelt in alle Welt hinaus, vor allem der Himalaya geriet nun in den Fokus. Bereits 1924, bei der dritten britischen Everest-Expedition erreichte man gesichert 8572 Meter – zudem gibt es bis heute Spekulationen, ob George Mallory und Andrew Irvine nicht sogar den Gipfelsturm schafften, Sie starben während der Expedition, aber es gibt Mutmaßungen, dass der Tod sie beim Abstieg ereilte – ein regelrechter Krimi des Alpinismus.
  • 1938 allerdings rücken die Alpen ein letztes Mal in den ganz großen Fokus des Bergsteigens. Denn bis dato hatte es noch niemals jemand geschafft, die Nordwand des 3967 Meter hohen Eiger zu überwinden. Zu brutal und steil schien die fast zwei Kilometer hohe Wand, die nie direkt von der Sonne beschienen wird. Mehrere Expeditionen in den Jahren zuvor, die mit dem Tod bzw. schweren Verletzungen endeten, sorgten zwar für die Sperrung der Nordwand – nährten aber auch die „Faszination Mordwand“, sodass es nur noch eine Frage der Zeit schien. Nach dem letzten Todesfall im Juni 1938 gelang es einen Monat später der Doppelseilschaft Heckmair-Vörg / Kasparek-Harrer, die als Konkurrenten gestartet waren, sich aber unterwegs zusammengeschlossen hatten. Am 24. Juli 1938 um halb vier in der Früh gelang ihnen die Bezwingung der letzten großen Alpennordwand. Der Mythos aber ist geblieben.

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